Hörspiele
Keine Kommentare Freundschaft
Zwei Engel stehen am Abgrund des Himmels und schauen auf unsere Welt hinab. Eine warme Brise umweht die Beiden und streicht sanft das Haar aus ihren Gesichtern. Der eine Engel strahlt hell wie der Tag, seine Flügel leuchten wie ewiger Sonnenschein. Der Andere ist das genaue Gegenteil und trotzdem so gleich, seine dunklen Schwingen symbolisieren die nicht enden wollende Nacht.
Nach einigen gebannten Minuten ergreift der dunkle Engel das Wort:
„Welch schönen Anblick hat uns das Schicksal geschenkt. Ich könnte ewig hier stehen und mich an diesem malerischen Gemälde erfreuen. Doch werd ich das Gefühl nicht los, dass du nicht siehst was ich sehe und trotzdem erkenne ich in deinen Augen dieselbe Faszination wie in den Meinen. Mein treuster aller Freunde, erlaubst du mir durch deine Augen zu sehen? Darf ich dich Fragen, was für ein Bild dein Herz so erfreut?“
Der helle Engel zögert mit seiner Antwort. Lässt die gesprochenen Worte vom Wind zu sich tragen und in seinen Ohren erklingen.
„Ich sehe Bäume und Wälder, die Natur erblüht in seiner vollkommenen Pracht. Menschen gehen über blühende Wiesen und verlieben sich immer wieder aufs Neue. Schau, dort drüben sieht man Vater und Mutter, wie sie voller Freude mit ihren süßen Kindern die Zeit verbringen. Und dort, hilft ein junger Mann einer älteren Dame, beim Tragen ihrer Sachen und bringt ihre Seele zum lachen. Ich höre sanft die Wellen rauschen und ein alter Mann liegt im Sande und sonnt sich genüsslich im strahlenden Abendrot. Nicht weit entfernt, wirft sich ein junges Pärchen verliebte Blicke zu und der Schmerz scheint auf ewig besiegt.“
„Dein Bild lässt sich wahrlich kaum mit Worten beschreiben, so schön klingt es für mich“, antwortet Der mit den dunklen Schwingen.
Beide haben sich kein Stück bewegt, ihre Blicke noch immer gen unten gerichtet. Nun fragt der helle Engel den Dunklen: „Ich habe dir Einblick in meine Welt gewährt, Freund, willst du mir vielleicht beschreiben was du im Moment siehst?“
Auch Er lässt sich einige Augenblicke, der Tag wird zur Nacht und er beginnt:
„Ich sehe ein Feuer, es umschlingt einen Wald und springt schon auf die ersten Dächer einer kleineren Stadt. Ich höre Panik und Angst, rieche verbranntes Menschenfleisch. Dort drüben rennt ein Kind vor den Flammen, doch ist schon sein Schicksal besiegelt. Und schau dort, ein Mann hat gerade erfahren, dass seine Frau ihn belügt nun mordet er sie und ihren Geliebten. Das Blut spritzt aus ihrer Kehle und sie weint rote Tränen. Ich sehe ein einsames Mädchen, die Klinge schneidet durch ihr weiches Fleisch und rote Diamanten kommen zum Vorschein. Nur wenige Augenblicke, dann ist sie tot. Ein von der Liebe gezeichneter Junge schreit zum Himmel empor und fleht um Erlösung, dann drückt er den Abzug und ist für immer hinfort. Ich höre einen wütenden Sturm sich nahe dem Festland erheben, nun weht er die Seelen hinaus auf das Meer. Ihr Schreien und Flehen, eine Symphonie der Schmerzen, erklingt in der Nacht und Leichen stapeln sich zum Monde empor.
Dem weiße Engel fehlen die Worte, er blickt zu seinem Freund und sagt mit fasziniertem Blicke: „Dein Bild ist wunderschön.“
