Schriftsteller und Künstler Xeon Nightfall über seine große Leidenschaft, warum er schon dutzende Male gestorben ist und sein Verhältnis zum Leben (weil ein Verhältnis zum Tod nicht mehr Tabu genug ist).

Herr Xeon äh Herr Nightfall…

‘Xeon’ reicht vollkommen aus *lächelt*

Also gut – wissen Sie was mich brennend interessiert, Xeon? Wie um Gottes Willen sind Sie zu solch einem sonderbaren Namen gekommen?

Das ist eine sehr interessante Frage: Ich muss damals um die 13 Jahre gewesen sein und weil das größte Problem eines Dreizehnjährigen in unserer Gesellschaft die Langeweile ist, hat es mich an einem sommerlichen Tag auf den Jahrmarkt verschlagen. Dort bin ich dann von Stand zu Stand gezogen bis ich vor einem schwarzen Zelt stehen geblieben bin. Das Zelt zog mich auf makabere Art in seinen Bann. Die exotischen Gerüche, die aus der Finsternis hinter dem Vorhang hervorkrochen. In meinen Ohren erklang eine melodisch flüsternde Geige.
Und dann: Plötzlich und ohne jegliche Warnung schoss eine verschrumpelte und knochige Hand heraus und griff nach mir. Vor Angst erstarrt ließ ich es geschehen und wenige Sekunden später blickte ich, Nasenspitze an Nasenspitze, in das Gesicht einer alten Frau. Eine Wahrsagerin wollte sie sein und behauptete, an mir eine Anomalie meiner Aura festzustellen. Sie bestand darauf in meine Zukunft blicken zu dürfen. Allerdings musste auch ich sie für ihre Dienste entlohnen. Ab da war es für mich ein klarer Fall von Spinnerei und Abzocke, allerdings stammelte sie etwas von Blutschuld, dass alles im Leben einen Preis habe und wer nicht bezahlen will am Ende mit Blut bezahlen muss. Ab da hatte sie mich: Die Neugierde besiegte meine Angst und ich kramte hastig fünf Deutsche Mark aus mein Portmonee heraus.
Wir setzten uns und dann ging die Show schon los. Sie nahm meine rechte Hand und legte sie auf den runden Holztisch. Dann konzentrierte sie sich einige Momente nur auf ihre Glaskugel in der Mitte des Tisches. Langsam wandelte sich ihre Miene. Ihre wissbegierigen Augen waren wie offene Scheunentore, die die Panik auf ihr Gesicht durchließen. Ihre Mundwinkel sanken und sie begann panisch herumzuschreien. Sie schimpfte mich den ewigen Nachteinbruch. Immer wieder schrie sie „Xeon!“ Sie zog das ‘e’ und ‘o’ immer länger. Ich sah die Furcht sich, wie einen grauen Nebel, im Zimmer ausbreiten. Es könnte aber auch der Rauch von Räucherkerzen gewesen sein. Und sie schrie weiter: „Xeon – der ewige Nachteinbruch – Nightfall! Du bist Xeon Nightfall! Sterben sollst du bevor du die Menschheit zugrunde richtest!!“ Ich rannte aus dem Zelt.

Ist das wirklich wahr!?

Quatsch! Ich bin Schriftsteller. Ich erzähle für mein Leben gern Geschichten und jedes mal erzähle ich bei dieser Frage etwas anderes *lächelt amüsiert*

Habe ich denn noch eine Chance, die echte Geschichte zu hören?

Unwahrscheinlich. Die echte Geschichte ist weit unspektakulärer als man glaubt. Zumindest für Sie und meine Leser. Für mich persönlich ist sie spannend, aber diese Spannung findet ihren Quell in persönlichen Begebenheiten. Mit anderen Worten: Diese Geschichte ist privat, persönlich und verschlossen. Aber ich liebe es, in meine Geschichten immer einen Funken Wahrheit einzuweben. Etwas Wahres ist auch hier versteckt. *Fehlversuch eines Zwinkerns*

Also gut, dann will ich mich einmal damit zufrieden geben. Sie sagten, Sie sind Schriftsteller, was haben Sie bisher veröffentlicht?

Bis auf einige kurze philosophisch, experimentelle Märchen, die man alle in meinem Blog kostenlos lesen kann, noch nichts. Aber ich schreibe momentan eifrig an einem Hörbuch und einem Roman. Das Hörbuch ist in einem ähnlichen Stil gehalten wie meine Märchen. Es erzählt die Geschichte einer Vorstadtprinzessin in (von mir) gewohntem experimentellem Stil. Umgesetzt wird es von Frank Kwiatkowski. Er ist auch für alle Hörspiele auf meinem Blog verantwortlich. Das Hörbuch wird einen ähnlichen Stil verfolgen wie die bereits erschienenen Hörspiele, nur wird es länger, durchdachter und vor allem professioneller umgesetzt. Womit ich nicht behaupten will, dass die bisherigen Hörspiele nicht professionell seien – ich finde sie genial und freue mich unwahrscheinlich, meine Geschichten in dieser Form präsentieren zu dürfen.
Über meinen Roman kann ich noch nicht viel verraten. Er handelt von zwei Jugendlichen, die ein gefährliches Spiel beginnen und sich dann darin verlieren.

Ich habe mir vor diesem Interview Ihre Geschichten natürlich durchgelesen und eine Frage geht mir seit dem nicht mehr aus dem Kopf: Wie zum Teufel kommen Sie auf so etwas?

Gute Frage… ich würde sagen: Ich lasse es einfach zu. Oft habe ich nur den Anflug einer Idee, die im Schreibprozess selbstständig wird. Dann habe ich das Gefühl, dass gar nicht mehr ich schreibe sondern dass eine fremde Macht meine Hände lenkt. In solchen Momenten versuche ich es einfach geschehen zu lassen. Wenn ich zum Ende komme, kehre ich langsam wieder zu meinem gewohnten Bewusstsein zurück, stelle erschrocken fest wie viel Zeit vergangen ist und beginne mit der Überarbeitung. Die Rohfassung kann ich nur in ganz seltenen Fällen so nehmen wie sie ist. Vor allem bei meinen experimentellen Geschichten ist vieles, das ich erst mühsam überarbeiten muss. In der Regel sitze ich länger an der Überarbeitung als am schreiben der eigentlichen Rohfassung.
Bei meinen großen Projekten ist dieser Zustand nur bedingt möglich. Da brauche ich in erster Linie einen Plan den ich verfolgen kann, damit nicht alles in sich selbst zusammenfällt. Ich durchdenke zu allererst alles bis ins Detail. Versuche aber mich nicht zu sehr mit Kleinigkeiten aufzuhalten und vor allem mich nicht an bestimmte Ideen zu sehr zu binden. Ist das Konzept fertig, lasse ich wieder los und schreibe. Vieles verändert sich beim schreiben. Aber ich habe immer das Gefühl, dass es gut ist, dass sich alles noch einmal verändert. Veränderung ist in jeder Hinsicht immer erst einmal gut. Man muss seinen Ideen die Freiheit zugestehen wachsen zu dürfen. Und anschließend geht es wieder ans umschreiben und überarbeiten. An diesem Punkt werden Details für mich unheimlich wichtig. Ich liebe einfach Details.

Würden Sie sagen, dass Sie eine besondere Bindung zu ihren Werken haben?

Aber auf jeden Fall! Jedes Werk ist wie ein eigenes Kind für mich. Nicht nur die Werke selbst, auch die Charaktere und überhaupt jedes einzelne Wort ist mir wichtig. Besonders in langen Geschichten entwickle ich sogar eine… man könnte sagen: Freundschaftliche Bindung zu meinen Protagonisten. Ich fange an meine Kreationen zu lieben, als ob sie real existierende Menschen und Wesen sind. Wenn dann mal einer meiner Protagonisten aufgrund von Spannung, Plot oder Storytwist sterben muss, geht es mir schon sehr ans Herz. Sie sind praktisch ein Teil von mir, vielleicht sogar der Bessere. *grinst*
Wenn sie sterben, sterbe ich selbst immer mit.

Eine Nahtod-Erfahrung also?

Nein, so würde ich es nicht bezeichnen. Es ist eine Volltod-Erfahrung. *lacht*

Und wie fühlt sich sterben an?

Paradox! Ein passenderes Wort habe ich dafür bis jetzt nicht gefunden. Auf der einen Seite ist man glücklich. Glücklich, dass es weiter geht. In meinem Fall: Dass die Geschichte weitergeht. Auf der anderen Seite zerrissen, verängstigt und natürlich traurig. Traurig darüber, dass man über Monate oder Jahre einen Charakter erschaffen hat, der von einer auf die andere Zeile einfach weg ist. Man wird ihn nicht mehr in spannende Geschichten verwickeln können. Er wird nicht mehr reagieren oder mit anderen Protagonisten agieren können. Das kann einen schon sehr traurig machen.

Haben Sie noch nie daran gedacht, Ihre toten Protagonisten einfach wiederzubeleben? Immerhin steht es für Sie als Schriftsteller durchaus in Ihrer Macht.

Natürlich habe ich schon darüber nachgedacht. Aber ich halte nichts davon. Eine gute Geschichte ist immer nah am Leben und das Leben selbst ist konsequent. Jeder, der Leben will, muss sich den übergeordneten Gesetzen (zum Beispiel Naturgesetzen) unserer Welt beugen. Das ist ein Teil einer Lebenserfahrung, mit der wir Menschen lernen müssen umzugehen. Zum Leben gehört nicht nur Friede, Freude und Sonnenschein. Auch mit unserem Schmerz und Elend müssen wir lernen zu leben um letztendlich Glück auf unseren Wegen zu finden.
Deswegen unterwerfe ich mich mit Freuden den Gesetzen des Lebens, in der Hoffnung an ihnen wachsen und gedeihen zu können. Diese Chance möchte ich aber auch meinen Werken und vor allem meinen Lesern geben. Natürlich, ich könnte meinem fast toten Protagonisten noch einen Arzt vor die Füße zaubern und ihn so vor dem Tod retten. Aber so funktioniert weder das Leben noch funktionieren gute Geschichten auf diese inkonsequente und unnatürliche Art. ‘Nah am Leben’ – Nach diesem Satz lebe ich und versuche natürlich auch danach zu schreiben.

Wirklich interessante Gedanken – das muss man Ihnen lassen. Zum Schluss noch eine letzte Frage: Wie sind Sie zum schreiben gekommen?

Oh je – Das weiß ich nicht genau. Ich habe schon immer Geschichten aus dem Nichts erschaffen. Aber fast genauso lange habe ich sie nicht zu Papier gebracht. In meiner Schulzeit war ich nicht besonders gut in Deutsch. Ich wäre sogar ein paar mal wegen diesem Fach fast sitzen geblieben. Aber die Aufsätze und das kreative Schreiben haben mich immer davor bewahrt komplett unterzugehen. Wie am Anfang erwähnt, war mir zu dieser Zeit oft langweilig und ich habe angefangen ganze Universen in meinem Kopf zu erdenken. Doch aufschreiben wollte ich sie nie – da war eine große Angst und Abneigung vor der Schreibkunst, die ich dem Deutschunterricht zu verdanken hatte. Und irgendwann hab ich diese Angst besiegt. Ich wurde besser und bekam immer mehr Spaß am schreiben. Am Ende verließ ich die Schule mit einer 1 in Deutsch, aber das Ende des Weges ‘Schreiben’ war es noch lange nicht.
Nach der Schule habe ich für fast ein Jahr mit dem Schreiben komplett aufgehört. Es begann für mich eine stürmische Jungerwachsenen-Phase, in der ich viele Erfahrungen sammeln durfte. Einige Erlebnisse waren schön, die meisten allerdings nicht. Aber schon heute (erst wenige Jahre danach) bin ich sehr dankbar, dass ich erleben durfte, was ich erlebt habe, denn Erfahrungen sind beim kreativen Schreiben das Salz in der Suppe.
Zum glorreichen Abschluss meiner jung-naiven Rebellion begann ich ein Studium. In dieser Zeit merkte ich immer mehr, wer ich eigentlich war und wer ich werden wollte. „Schriftsteller!“ schrie mein Herz. Ich wollte Geschichten erzählen und keinen trägen Professoren bei ihrem langsamen Tod zuschauen. Und jetzt bin ich hier.

Vielen Dank für das Interview, es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Möchten Sie noch etwas loswerden? Sie haben das letzte Wort.

Vielleicht ein Zitat aus meinem Lieblingsfilm: „Nichts endet jemals.“

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